Stille

Anonym
Dieser Text ist entstanden, nachdem die Autorin ein zweites Kind durch eine Fehlgeburt verloren hat. - Danke, dass du uns an deinen Gefühlen teilhaben lässt.
Ich weiß nicht, wieso ich an diesem Tag überhaupt hierhergekommen war. Schwer beladen trat ich durch das gemauerte Tor, hinein in diesen Ort im Wald am See. Der Ort, für den ich nur die Augen schließen muss. Mühsam schleppte ich mich durch das Gestrüpp, über moosigen, weichen Boden, unter meinen bleischweren Beinen knackten Äste. Ein Blick nach vorne, drüben ist meine Bank, mein Ort der Ruhe. Aber an dem Tag war mir nicht nach diesem Ort. Wieso war ich überhaupt dort?
Inzwischen trat ich in den hellen Buchenwald, den stillen See zu meiner Linken. Irgendwas war anders als sonst. Zwischen zwei eng beieinander thronenden Buchen. An eine davon gelehnt ließ ich mich runtergleiten, samt Gepäck. Ich bin so müde. Ich schaute mich um, der See - glatt wie Eis, die Baumkronen über mir - still im Wind, die Bank dort...die Bank. Leer. Ob er kommt? Mein Blick senkte sich auf den Boden, meine Gedanken begannen sich zu kreisen. Ich konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten.
Ich musste schon eine Weile vor mich hin gewimmert haben, da spürte ich Druck an meiner rechten Schulter. Erschrocken schaute ich hoch. Da saß er, neben mir, die Ellbogen auf den angewinkelten Beinen abgestützt und schaute gedankenverloren nach vorne in Richtung See. Mein Atem stockte, ich wischte mir über das tränenüberströmte Gesicht und holte tief Luft, ich hatte so viel zu sagen! Wo warst Du? Ist das der Preis, den ich zahlen muss? Ist es das, was Du willst? Dass ich zerbreche? Ist das Teil unserer Abmachung? Aber ich brachte kein Wort heraus. Ich sah von ihm weg und schwieg wieder. In mir braute sich ein Sturm zusammen, eine solche Wut, ich brach wieder in Tränen aus. „Vertrau mir“, sagte er. Ich konnte es nicht fassen, er wagte es, das schon wieder zu sagen! Ich wollte das nicht mehr hören! Wütend schrie ich: „Was habe ich denn die letzten Jahre getan? Dir vertraut! Und was habe ich davon? Schau mich doch mal an! Ich bin ein Wrack!“ Er rührte sich nicht und sah weiter nach vorn. „Alles oder nichts, habe ich gesagt. Alles habe ich Dir gegeben, im Vertrauen auf Dein Versprechen! Und? Was habe ich bekommen? Wenn das der Dank ist, kannst Du Dir jemand anderen suchen!“ Mir wurde schwindelig, ein Wirbelsturm der Emotionen tobte in mir und ich wusste nicht, wie ich das noch länger aushalten sollte. Er schwieg neben mir, als würde er ahnen, dass ich nicht im Stande war, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Ich will nicht mehr. Erschöpft sackte ich zusammen. Er ließ mir Zeit, um Luft zu holen, dann sagte er: „Dein Vertrauen war nicht und wird niemals der Grund sein, dass Dein Gepäck so schwer ist. Mir zu vertrauen verändert Dein Leid nicht, es hilft Dir aber, es zu ertragen.“ Mein Gepäck, ich hatte es schon beinahe vergessen, es lag noch immer schwer auf meinen Schultern. Ich strengte mich an zu verstehen, was er meinte. Sollte ich es ablegen? Aber es ist doch ein Teil von mir! Ich schwieg lange und starrte auf den See. Mein Blick schweifte über diesen Ort, der mir sonst so wertvoll war. Was war heute nur so anders?
Ich blieb mit meinem Blick an ihm hängen, wie er, immer noch in Gedanken vertieft, etwas in den Händen hielt, es sanft zwischen den Fingern bewegte und dann wieder fest in die Hand schloss. Er bemerkte meinen fragenden Blick und wandte sich mir zu. Seine Augen! Er hatte alles gesehen - alle Tränen, alle dunklen Momente, alle Fragen, alle Ängste, alles, was ich nicht einmal zu denken geschweige denn zu sagen wagte! Alles stand in seinem Blick geschrieben, nichts ist übersehen worden! Tränen standen in seinen Augen, und ein liebendes Ich weiß. Für einen Moment tauchte mein ganzes Bewusstsein in seinen Blick ein, der mehr sagen konnte, als alle Worte der Welt. Er nahm meine Hand und legte hinein, was er vorher so behutsam in den Händen gehalten hatte. „Ich habe viel dafür bezahlt, nicht Geld, nicht mein Zuhause, keine Annehmlichkeiten oder Sicherheiten, so wie Du. Ich habe mit meinem eigenen Leben bezahlt. Du kannst es wiederhaben, denn es ist Deins. Wenn Du denkst, Dein Leben ist bei Dir in den besseren Händen, dann behalte es, ich werde es Dir nicht wegreißen. Ich liebe Dich immer, niemals mehr, niemals weniger.“ Er sagte das bestimmt, jedoch ohne jeglichen Vorwurf, es schwang eine leise Traurigkeit in seiner Stimme mit und doch standen seine Worte wie gewaltige Säulen vor mir, auf einem Fundament bedingungsloser Liebe. Er senkte seinen Blick auf meine Hand, ich folgte ihm – eine Perle.
Ich umklammerte sie fest in meiner linken Hand und starrte ins Leere.
Als er wegging, rief ich ihm noch zu: „Warte!... Ich dachte Du kommst, um mich zu trösten“. Er hielt inne, drehte sich um und sagte: „Dein Tröster ist schon die ganze Zeit bei Dir.“ Obwohl ich offensichtlich mit dieser Antwort überfordert schien, drehte er sich wieder um und folgte dem Pfad weiter hinaus aus unserem Wald. Als ich ihn zwischen dem Gestrüpp nicht mehr erkennen konnte, schweifte mein Blick erneut über diesen vertrauten Ort, in Gedanken noch immer bei seinen Worten. Da stand sie, unsere Bank, wo wir sonst miteinander redeten oder einfach nebeneinander saßen und schweigend auf den See schauten. Ich streifte mein Gepäck ab. Ich war zu erschöpft, um weiter zu gehen. Auf allen vieren kroch ich die wenigen letzten Meter über den weichen Waldboden, stützte meine Arme auf die von der Sonne erwärmten Bank und legte meinen Kopf ab. Angekommen. Ich schloss meine Augen und plötzlich wusste ich, was heute anders war. Es war still. Absolute Stille. Da war nichts. Totenstille. Ich war zu müde, um dem noch irgendwelche Aufmerksamkeit zu schenken. Meine letzten Kräfte verließen mich und ich sackte erschöpft vor der Bank zusammen.
Wie eine Perle entsteht.
Mollusken (Muscheln und Schnecken) in Salz- und Süßwasser können Perlen aus einer Schutzreaktion heraus produzieren. [...] Perlaustern leben auf Muschelbänken nahe der Küste in 15 bis 20 Metern Tiefe. Sie bilden Perlen, um sich gegen Parasiten und Fremdkörper, die in das Tier eindringen, zu wehren. So weit die gängige These. Doch ein Fremdkörper allein reicht nicht aus, um die Muschel zur Bildung einer Perle zu bewegen. Entscheidend für die Perlbildung ist ein Stück des Mantelgewebes, des Epithels, das direkt unter der Muschelschale sitzt und mit dem Fremdkörper ins Innere der Muschel dringen muss, um die Perlmuttbildung auszulösen. Erst das Epithel bewirkt, dass der eingedrungene Körper wieder und wieder mit Perlmuttschichten überzogen wird. Dadurch wird der Fremdkörper abgetötet und der Muschel droht nicht länger Gefahr durch den Eindringling.
Zitiert von www.planet-wissen.de

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