Jesus und die Prostituierten

von Olga Töws

Die Einstellung vieler Christen

Ziemlich behütet bin ich aufgewachsen: In unserer konservativ geprägten russlanddeutschen Gemeinde war das Thema Prostitution eher tabu. Man hielt sich davon fern, damit hatten anständige junge Christen nichts am Hut. Wir sprachen kaum darüber, wir dachten nicht darüber nach, wir hielten uns einfach davon fern – was konnten wir denn schon tun? Dass auch Prostituierte das Evangelium von Jesus, Seiner Gnade und Freiheit in Ihm brauchen, war uns irgendwo klar, aber dieses Wissen bestand nur in der Theorie und hatte praktisch keinen Einfluss auf uns und unser Tun. Puffs und Bordelle und Straßenstriche gehörten zur Welt – aber nicht zu unserer Welt, und wir hatten dort nichts verloren! Dachten wir.
Doch wie gut, dass Jesus anders dachte! Denn er hat auch im Puff und auf dem Straßenstrich etwas verloren – besser gesagt: Jemanden! Menschen, die Er geschaffen hat, die er unendlich liebt, für die er sich ein wundervolles und erfülltes Leben wünscht! Menschen, die er geschaffen hat, damit sie seinen Schutz, seine Liebe und wahre Freiheit in ihm genießen; Menschen, die Ihm so viel bedeuten, dass er bereit war, sein Leben für sie zu geben - und das tat er auch! Deshalb besuchte er die verrufensten Leuten zu Hause (Lk 19,1-10), berief Verbrecher als seine Nachfolger (Mt 10,1-4) und suchte die Gesellschaft von Frauen von zweifelhaftem Ruf (Joh 4,1-27; Lk 12,36-50): Er war gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist (Lk 19,10)! Sind nicht wir jetzt aufgefordert, genauso zu den Verlorenen zu gehen, um sie mit diesem Jesus bekannt zu machen, der sie als einziger wirklich retten kann? Heute möchte ich euch eine Arbeit vorstellen, bei der einige Frauen genau diese Liebe ganz praktisch in die Tat umsetzen.

Ein Abend auf dem Straßenstrich

Es ist Dezember, ein Freitagabend. Es ist dunkel, leicht neblig und nasskalt, nieselige Tropfen hängen in der Luft, benetzen die Haut und kriechen in jede Pore, kein Abend, den man – oder frau – gerne auf der Straße verbringt. Eher ein Abend, den man sich in eine kuschelige Decke gewickelt zu Hause vor dem Fernseher gemütlich machen möchte – mit einem warmen Kakao in der Hand. Doch diese Vorstellung widerspricht grundlegend unserem Vorhaben für diesen Abend. Wir treffen uns bei Ramona* zu Hause, außer mir ist auch noch Theresa* dabei. Ramona und Theresa sind junge Frauen, die seit einigen Jahren zu einem Frauenteam* gehören, das Frauen in Prostitution begegnet. Heute darf ich Ramona und Theresa bei ihrer Arbeit begleiten.

Arbeit im Rotlichtmilieu – mal anders

Die Mitarbeiterinnen des Frauenteams kommen aus verschiedenen Kirchengemeinden und haben es sich zur Aufgabe gemacht, sich um die zu kümmern, die oft völlig übersehen, ignoriert und verkannt werden. Viele stehen ihnen einfach gleichgültig gegenüber („halt ein Job wie jeder andere“), oft werden sie auch mit lüsternen Blicken betrachtet, manche begegnen ihnen aber auch mit Ekel oder Verachtung: Prostituierte. Jede Woche besucht eine kleine Gruppe von Mitarbeiterinnen des Frauenteams die Frauen, die auf dem öffentlichen Straßenstrich der Stadt auf mögliche Freier warten. Die Mitarbeiterinnen bringen den wartenden Frauen Kaffee und Tee und bieten ihnen etwas zu essen an; sie fragen sie, wie es ihnen geht, kommen so mit ihnen ins Gespräch und lernen die Frauen nach und nach kennen. Das Ziel ist, dass die Frauen eine andere Perspektive für ihr Leben entdecken und neue Hoffnung finden: Hoffnung, dass es für sie doch ein anderes Leben und einen besseren Weg gibt. Für diesen Abend kurz vor Weihnachten ist etwas Besonderes geplant: Jede Frau, der wir auf dem Straßenstrich begegnen, bekommt ein Weihnachtsgeschenk. Die Weihnachtsgeschenke wurden vom lily white Team in Zusammenarbeit mit dem Frauenteam organisiert und vorbereitet (siehe "Exkurs: Aktion Weihnachtspäckchen im Rotlicht" am Ende dieses Artikels).

Letzte Vorbereitungen

Ramonas Wohnung. Freundlich begrüßt Ramona mich an der Tür ihrer Wohnung, zusammen gehen wir in die Küche, wo der Kaffee bereits kocht und sie noch Brezeln zum Aufbacken in den Ofen schiebt. Etwas aufgeregt bin ich und gespannt, was mich heute Abend erwartet. Ramona erzählt mir, wie sie die Arbeit des Frauenteams kennen gelernt hat und wie sie schon während ihres Studiums dazu kam, dort mitzuarbeiten. Die Arbeit ist etwas heikel; man muss sehr diskret und gut bedacht vorgehen, mit viel Fingerspitzengefühl und Menschenkenntnis. Denn es wird längst nicht von allen gern gesehen, dass das Frauenteam die Frauen besucht, die sich am Straßenstrich verkaufen. Ramona erzählt mir, was sie vorhaben, und wie so ein Abend verläuft, um mich möglichst gut darauf vorzubereiten, was so alles auf mich zukommen könnte. Immer noch habe ich nur eine vage Vorstellung davon, was mich erwartet. Es klingelt. Theresa kommt dazu, nun sind wir als Mitarbeiter für diesen Abend komplett. Der Kaffee und die Brezeln sind fertig, wir packen sie zusammen mit Milch, Zucker und Pappbechern in einen Korb und begeben uns ins Wohnzimmer. Hier schauen wir nochmal die Weihnachtstüten durch. Ramona und Theresa bedanken sich für die Weihnachtstüten, und ich kann den Dank nur im Namen aller, die an der Planung und Vorbereitung dieser Aktion beteiligt waren, entgegennehmen (und gebe es hiermit an dich weiter, wenn du mitgemacht hast und das gerade liest: Gott segne dich!). Theresa hat einen großen Karton mit kleinen Bibeln und Flyern zum Verteilen mitgebracht. Die Bibeln sind in verschiedenen Sprachen und in der Aufmachung speziell auf Menschen im Rotlichtmilieu ausgerichtet. Diese bekommt jede Frau, die eine haben möchte, zusätzlich zu der Weihnachtstüte. Die Flyer enthalten Einladungen zu den Weihnachtsgottesdiensten der verschiedenen Kirchen in der Umgebung.
Ich stelle viele Fragen und werde so gut es geht vorbereitet: Diskretion ist das A und O! Ramona und Theresa erzählen mir, welche Erfahrungen sie in dieser Arbeit und mit den Frauen gemacht haben. Angeblich arbeiten fast alle Frauen „freiwillig“ als Prostituierte, doch sei im Gespräch mit ihnen nicht klar ersichtlich, wann sie die Wahrheit sagen und wann nicht. Vieles bleibt uneindeutig und unausgesprochen. Manche erwähnen immer wieder mal ihren „Mann“ bzw. „Freund“, womit ein Zuhälter gemeint sein könnte, oder ein Partner, der die Frau zur Sexarbeit zwingt, bzw. sie dazu drängt und manipulativ auf sie einwirkt. Auffällig sei auch, dass viele Frauen aus den Oststaaten dabei sind, häufig aus Bulgarien oder Rumänien; es ist bekannt, dass häufig Frauen unter Vorspielung falscher Tatsachen nach Deutschland gelockt werden, indem ihnen z.B. eine Arbeitsstelle als Reinigungskraft oder ähnliches versprochen wird, doch dann tut man ihnen Gewalt an, hält sie gegen ihren Willen fest und setzt sie unter Drogen, so dass sie dann völlig eingeschüchtert und von der Angst getrieben den „Job“ als „Sexarbeiterin“ erledigen. Was haben sie auch für eine Wahl? Sie können kaum Deutsch, stehen unter großem psychischen Druck, und kennen ihre Rechte und die Gesetze hier in Deutschland nicht oder nur ungenügend – und auch sonst kennen sie niemanden hier außer ihren „Arbeitgebern“ – und irgendwann die „Kolleginnen“. Was sollten sie auch tun? Wie sich wehren? Dazu kommt, dass gerade viele der Frauen aus Bulgarien und Rumänien ziemlich jung sind. Möglicherweise schummeln sie, was ihr Alter betrifft, da Prostitution erst ab 18 erlaubt ist…

Gebet um Schutz und Leitung

Bevor Theresa, Ramona und ich auf die Straße hinausgehen, setzen wir uns nochmal hin, werden ruhig und beten gemeinsam. Wir beten für die Frauen, zu denen wir gleich gehen, dass Gott sie vorbereitet, dass er uns durch seinen Heiligen Geist führt und schützt, dass er uns mit Weisheit und Liebe ausstattet und dass wir die richtigen Worte und den richtigen Ton finden, wenn wir mit den Frauen reden. Wir bitten Gott, dass er alles, was stören will, ausschaltet, dass er uns vor den Angriffen der Finsternis schützt und dass es uns gelingt, die Herzen der Frauen zu erreichen. Ramona und Theresa beten noch für Schutz für mich, weil ich heute zum ersten Mal mitgehe. Ich bin tief berührt und sehe es als Privileg, mit diesen beiden Frauen gemeinsam zu beten und heute in ihrem Dienst unterwegs zu sein, und auch ich bete für sie und danke Gott, dass er diesen wichtigen Dienst des Frauenteams ins Leben gerufen hat und durch sie viel Gutes bewirkt. Theresa betet, dass Gott uns vor den Blicken der Freier schützt, was mich nachdenklich macht. Über die Freier hatte ich noch nicht so viel nachgedacht. Wie ist es eigentlich damit? Theresa und Ramona erzählen, dass auch Mitarbeiterinnen des Frauenteams gelegentlich von Freiern angesprochen werden, doch bemühen sie sich immer, sie einfach zu ignorieren, da ihr Augenmerk den Frauen gilt, denen wir dienen wollen. Sie raten mir, es ebenfalls zu ignorieren, falls einer von den Freiern mich ansprechen sollte. Irgendwie ist das ein mulmiges Gefühl; ich kann mir gar nicht vorstellen, wie so eine Situation wäre und wie ich damit umgehen würde. Aber natürlich beherzige ich diesen guten Rat. Zum Glück spricht mich keiner der Freier an, die in ihren Autos langsam an uns vorbeifahren, als wir auf dem Straßenstrich unterwegs sind.

Die Frauen auf dem Strich

Es ist soweit: Mit unseren Körben und dem Handwagen bepackt verlassen wir das Auto. Die Straße ist breiter, als ich es mir vorgestellt habe; schwarz und nass spiegelt sie das stumpfe Licht der vereinzelten Straßenlaternen wider. Gelegentlich fährt ein Auto die breite Straße entlang, die Gestalt einer Frau am Straßenrand wird vom Scheinwerfer beleuchtet, das Auto wird langsamer. Vielleicht hält das Auto an und die Frau beugt sich zum Seitenfenster, um kurz zu verhandeln und sich genauer anschauen zu lassen. Vielleicht fährt das Auto dann einfach weiter. Aber vielleicht steigt die Frau auch ein und wird mitgenommen. Vielleicht geht’s daraufhin direkt zu einem Parkplatz in der Nähe. Vielleicht aber landet die Frau auch irgendwo ganz anders. Wer weiß das schon?
Die erste Frau, der wir begegnen, trägt schwarze Hotpants und Overknees, ein enganliegendes bauchfreies Top und darüber eine kurze Lederjacke. Sie ist stark geschminkt und eine auffällige Handtasche baumelt an ihrem Arm. Es ist eine lebhafte junge Bulgarin, Rubina*, die Theresa und Ramona bereits kennt. Sie gibt sich selbstbewusst und sicher, als wir sie begrüßen und ihr einen Kaffee anbieten, den sie gerne nimmt. Drei andere Frauen kommen noch aus der einen Richtung dazu, sie stammen ebenfalls aus Bulgarien. Die meisten von ihnen kennen das Frauenteam schon und freuen sich über den warmen Kaffee an diesem kalten Abend. Einige nehmen ein paar Süßigkeiten „für später“ mit. Die Weihnachtstüten werden gerne angenommen, allerdings beginnt das Vergleichen der Tüten und des Inhalts untereinander, jede versucht, möglichst das Beste abzubekommen – und davon so viel wie möglich. Doch obwohl die Reaktion der Frauen zum Teil sehr verhalten ist, scheinen sich die meisten doch über das unerwartete Geschenk zu freuen und bedanken sich dafür. Die Frauen halten sich aber nur kurz bei uns auf und machen sich gleich wieder „an die Arbeit“. Später sehen wir eine Tüte an die Hauswand gelehnt dastehen, während die Besitzerin am Straßenrand auf den nächsten Freier wartet.
Bald darauf kommt Rubina wieder zu uns zurück, bei ihr ist eine sehr junge kleine Frau: Nadja*. Rubina erklärt, dass Nadja neu hier sei und noch kaum Deutsch könne, und fragt deshalb an ihrer Stelle, ob sie auch einen Kaffee und so ein Geschenk haben könne. Nadja wirkt etwas schüchtern und scheint sich nicht so wohl zu fühlen. Natürlich wird auch sie mit Kaffee und Brezel versorgt und bekommt eine Weihnachtstüte. Sie nimmt auch eine Bibel in ihrer Sprache mit.
Später begegnen wir Janina*, die die Mitarbeiterinnen des Frauenteams heute zum ersten Mal dort sehen. Sie ist die einzige deutsche Frau, die wir an diesem Abend treffen. Sie freut sich über den Kaffee und findet die Arbeit gut, die wir machen. Auch sie laden wir zum Weihnachtsgottesdienst ein. Sie meint, dass sie noch nicht weiß, ob sie kommt.
Elke*, eine ehemalige Mitarbeiterin des Frauenteams, wünscht sich, Weihnachten mit ein paar der Frauen vom Straßenstrich feiern zu können. Sie hat Ramona und Theresa gebeten, in ihrem Namen einige der Frauen dazu einzuladen, die inzwischen mehr Vertrauen zu ihnen gefasst haben. Ramona und Theresa laden Miriam* dazu ein. Sie zeigt sich sehr interessiert und meint, dass sie es sich überlegen wird. Ramona bespricht mit ihr, wie sie den Kontakt zu Elke herstellen kann.
Manche der Frauen, denen wir an diesem Abend begegnen, wirken verschüchtert, andere eher dreist und ein bisschen frech. Manchen spüre ich Beschämung ab, als wir mit ihnen sprechen. Viel kommt auch nicht dabei heraus; die Frauen öffnen sich nur langsam, da bin ich als fremde Besucherin eher hinderlich. Die Mitarbeiterinnen des Frauenteams pflegen den Kontakt und die Beziehung zu den Frauen über Jahre, denn Beständigkeit und langfristige, das Vertrauen stärkende Beziehungen spielen eine sehr wichtige Rolle bei dieser Arbeit.

Prostitution und das deutsche Gesetz

Seit 2002 gilt Prostitution in Deutschland nicht mehr als sittenwidrig, sondern wird als Dienstleistung anerkannt. Und 2017 wurde das Prostituiertenschutzgesetz eingeführt. Seitdem müssen die Frauen in einigen Städten pro Nacht, in der sie sich auf dem öffentlichen Straßenstrich anbieten, eine Art Steuerticket ziehen. Manche Städte stellen auch sogenannte Verrichtungsplätze bereit, wo die Freier mit ihren Autos hinfahren können, um dort mit den Frauen Sex zu haben. Es gibt auch extra Verrichtungsboxen mit einem Notschalter, den die Frauen betätigen können für den Fall eines gewaltsamen Übergriffs. Dann sollte auch der Sicherheitsdienst zur Stelle sein. Doch inwieweit das den Frauen in ihrer Situation wirklich hilft, bleibt fraglich. Längst nicht alle sind bereit, die paar Euro Steuern pro Nacht zu zahlen, um sich auf dem „legalen“ Straßenstrich anbieten zu dürfen, und weichen auf einen illegalen Straßenstrich aus.

Die Blicke der Freier

Sie haben etwas Bedrohliches, Anmaßendes an sich: Die Blicke der Freier. Sie sehen nicht mehr den Menschen, wenn sie die Frauen ansehen, nein, die Frauen werden durch diese Blicke zu bloßen Sexobjekten degradiert. Die Frauen verstecken sich während ihrer „Arbeit“ hinter einer Rolle: Die Kleidung, das Makeup; das sind nicht sie selbst. Sie spielen diese Rolle, weil sie durch ihre Arbeit nicht allein ihren Körper, sondern auch ihr Herz aufs Spiel setzen. Nur mit dieser Rolle lässt sich das, was sie tun und was mit ihnen getan wird, ertragen. Wenn sie sich „normal“ kleiden würden und du begegnest ihnen tagsüber auf der Straße, sind sie Frauen wie du und ich, mit all den dazugehörenden Wünschen und Träumen… Die „Sexarbeit“ ist für jede Frau entwürdigend und herabsetzend, im Grunde ist es Missbrauch und Gewalt, denn keine Frau wurde dafür geschaffen, ihren Körper immer wieder an irgendeinen Mann zu „vermieten“ und nur dafür da zu sein, ihn sexuell zu „bedienen“. Manchen sieht man klar an, dass sie unter dem Einfluss von Drogen stehen, sonst wäre ihnen diese „Arbeit“ wohl nicht möglich. Prostitution ist eben kein Job wie jeder andere; er ist entwürdigend und menschenverachtend. Es ist für niemanden gut: Weder für die Frauen, noch für die Zuhälter, noch für die Freier – und es widerspricht allem, was gut und heilsam für unsere Gesellschaft ist...

Neue Perspektiven

All das sehen die Mitarbeiterinnen des Frauenteams, und versuchen, den Frauen zu helfen, eine neue Perspektive für ihr Leben zu finden, damit sie Heilung erfahren können und lernen, sich selbst zu schützen. Die Mitarbeiterinnen sind bereit, die Frauen bei einem möglichen Ausstieg aus der Prostitution zu unterstützen, wenn sie es wünschen. Ein hilfreicher Schritt beim Ausstieg kann die Kontaktaufnahme mit der Frauenhilfsorganisation SOLWODI sein. SOLWODI bietet Aussteigerinnen wertvolle Hilfe an, besonders was die praktischen Angelegenheiten betrifft, wie z.B. bei der Arbeits- und Wohnungssuche.
Schon mehrere Frauen haben es mit Hilfe des Frauenteams geschafft, aus der Prostitution auszusteigen und eine Wohnung und Arbeit außerhalb des Rotlichtmilieus zu finden. Einige haben auch Anschluss zu einer Kirchengemeinde gefunden und besuchen regelmäßig den Gottesdienst. Gemeinschaft und Unterstützung durch eine lebendige Gemeinde und durch liebevolle Beziehungen kann da sehr wertvoll sein. Ich glaube, genau so hat sich Jesus Gemeinde vorgestellt: Als einen Ort, an dem verletzte und missbrauchte Sünder Hilfe, Rettung, Vergebung, einen Neuanfang und ein Zuhause finden - und sich endlich auf den Weg der Heilung begeben können.

Gottes Absichten - oder: Wahre Männlichkeit!

Denn Gott hat für jede dieser Frauen einen anderen - besseren Plan, er wünscht ihnen ein erfülltes, glückliches Leben, Heilung und Reinheit – und echte Liebe. Er liebt jede einzelne Frau unfassbar: So sehr, dass er sein Leben für sie gegeben hat (Joh 3,16). Darin hat Jesus wahre Männlichkeit vorgelebt; wahre Männlichkeit sieht Frauen nicht bloß als Objekt der Begierde, um die eigenen sexuellen Bedürfnisse und Wünsche zu erfüllen, sondern wahre Männlichkeit sieht und behandelt Frauen so, wie Gott sie geschaffen hat: Als Gottes geliebte Töchter, unfassbar schön und wertvoll. Frauen sind es wert, dass Männer sie schützen und achten und sie so lieben wie sich selbst. Gott hat nicht nur den Mann, sondern auch die Frau nach seinem Ebenbild gemacht, als Gegenüber für den Mann, als die Hilfe und Ergänzung, die er so nötig brauchte (siehe Gen 1-2).

Ein Abend auf dem Straßenstrich: Nachklang

Ich befinde mich auf dem Weg nach Hause; der Abend auf dem Straßenstrich ist für mich und das Frauenteam zu Ende, doch die Frauen, die wir heute getroffen haben, sind dort auf der nasskalten, dunklen Straße geblieben und machen jetzt diese schreckliche Arbeit, heute Nacht, und wer weiß, wie viele kalten und dunklen Nächte noch. Die vielen Bilder und Eindrücke des Abends beschäftigen mich, klingen in mir nach – ich brauche erst noch Zeit, um all das zu verarbeiten, zu „verdauen“. Wie krass das ist! Ein Straßenstrich, langsam in Autos vorbeifahrende Freier, Prostituierte… all das, was ich nur aus dem Fernsehen oder aus der Ferne kenne, heute bin ich dem ein Stück weit nah gekommen. Ich denke daran, wie gut es mir geht, und wie behütet ich doch aufgewachsen bin. Wie dankbar bin ich doch! Und ich durfte in Deutschland aufwachsen, wo ich meine Rechte gut kennen gelernt habe - auch durfte ich lernen, wohin ich mich im Falle eines sexuellen Übergriffs wenden kann und dass ich dann auch Hilfe erwarten kann.
Doch diese jungen Frauen heute. Mein Herz tut weh, wenn ich an sie denke. Wer interessiert sich schon für sie? Wenn sie tagsüber in der Fußgängerzone an mir vorbeilaufen würden, ich würde wahrscheinlich gar nicht erkennen, welcher „Arbeit“ sie in der Nacht nachgehen. Und es ist so eine einsame Arbeit. Werden sie gesehen?
Ja, da ist einer, der sie sieht: Jesus Christus! Und die Mitarbeiterinnen vom Frauenteam. Gott sei Dank!

Die Aufgaben & Ziele des Frauenteams:

  • Den Frauen Liebe und Zuwendung praktisch zu zeigen, indem sie ihnen Zeit und Aufmerksamkeit schenken
  • Den Frauen echte Menschlichkeit zu zeigen, indem sie Zeit mit ihnen verbringen und mit ihnen sprechen, ohne irgendetwas von ihnen zu wollen
  • Den Frauen zuhören ohne zu sie zu verurteilen, ihnen mit bedingungsloser Annahme, Akzeptanz, Wertachtung und Respekt begegnen und ihre Würde achten
  • Den Aussteigerinnen praktisch helfen und ihnen Hilfe vermitteln, z.B. bei der Wohnungs- und Arbeitssuche
  • Die Frauen beim Ausstieg zu begleiten und ihnen helfen, einen neuen Lebensstil, neue Denkmuster und Gewohnheiten einzuüben, um einen Rückfall zu verhindern
  • Den Frauen helfen, Beziehungen, Kontakte und Freundschaften außerhalb des Rotlichtmilieus zu finden und zu festigen
  • Den Frauen Perspektiven für ein anderes Leben und andere Möglichkeiten aufzuzeigen
  • Und last but not least: Die Frauen mit Jesus Christus in Beziehung zu bringen, der allein wahre Rettung und Erfüllung bringen kann, dazu gehören Heilung, Befreiung, Reinheit, Schutz, Hilfe, Hoffnung, Leben, wahre Liebe und festen Halt, ein gutes Fundament fürs Leben hier und darüber hinaus für die Ewigkeit!

Was kannst du tun?

Hat dich dieser Artikel angesprochen? Vielleicht hat dir der Heilige Geist eine Last für die Frauen im Rotlichtmilieu und die Arbeit des Frauenteams aufs Herz gelegt - und du fragst dich: Was kann ich tun?
1. Gebet
Das Erste und Wichtigste, was du tun kannst, ist zu beten. Du fragst dich wie? Hier gebe ich dir einige Tipps dafür:
  • Frage Gott, was du tun kannst, um den Frauen im Rotlichtmilieu zu helfen und wo Er dich haben will.
  • Bete für die Mitarbeiterinnen des Frauenteams und ähnlichen Organisationen. Bete um Ausdauer, Geduld, Liebe und Weisheit im Umgang mit den Frauen. Bete um Schutz vor finsteren Angriffen und Entmutigung. Bete um neue Mitarbeiter und gute Schulungen.
  • Bete für die Frauen im Rotlichtmilieu, dass sie neue Perspektiven und Hoffnung für ihr Leben finden können. Bete, dass sie ehrlich werden können und sich helfen lassen. Bete, dass sie Jesus Christus kennen lernen und Heilung, Vergebung und Befreiung durch ihn erfahren. Bete, dass sie echte Freundschaften außerhalb des Rotlichtmilieus schließen können, und für körperliche und seelische Heilung.
  • Bete für die Zuhälter und Menschenhändler, dass sie erkennen, dass sie sich für das Unrecht, das sie tun, einmal vor Gott dafür verantworten werden müssen. Bete, dass auch sie Veränderung und Befreiung durch Jesus Christus erfahren.
  • Bete für die Freier, dass ihnen die Augen dafür geöffnet werden, dass ein Gang zu einer Prostituierten weder harmlos noch richtig ist. Bete, dass sie lernen, Frauen als wertvolle und geliebte Geschöpfe Gottes zu respektieren. Bete, dass sie Freiheit und Vergebung durch Jesus Christus erfahren. Bete für gesunde Ehen.
  • Bete für die Aussteigerinnen, dass sie sich von Rückschlägen nicht entmutigen lassen. Bete, dass sie einen guten Anschluss zu einer Gemeinde bekommen und guten Halt in festen, gesunden Beziehungen finden. Bete, dass sie eine gute Arbeitsstelle und Wohnung finden. Bete, dass sie ihre Vergangenheit verarbeiten und hinter sich lassen können.
Gott segne und führe dich im Gebet!
2. Öffentlichkeitsarbeit
Vielleicht geht es dir wie mir, und du bist vorher noch nie so wirklich mit diesem Thema in Berührung gekommen. Das Thema der Prostituierten und der Situation der Frauen im Rotlichtmilieu ist in den Gemeinden und in der Öffentlichkeit oft nicht so präsent, sie werden einfach vergessen. Um das zu ändern, kannst du in deinem Hauskreis, in deiner Jugendgruppe oder in deiner Gemeinde einen Infoabend zu diesem Thema organisieren und dafür Mitarbeiter einer entsprechenden Hilfsorganisation einladen. Eine Möglichkeit wäre auch, gemeinsam für die Frauen im Rotlichtmilieu - und für die Organisationen und Mitarbeiter, die ihnen helfen möchten - zu beten.
Gerade was das Gebet angeht, so sind besonders auch die Männer gefragt. Erinnere die Männer in deiner Umgebung an die Situation der Frauen im Rotlichtmilieu. Appelliere an die Männer, dass wahre Männlichkeit Frauen nicht als bloßes Objekt der Lust betrachtet und benutzt, sondern sie schützt und mit Würde, Respekt und Liebe behandelt. Die Frauen brauchen Männer, die zu ihrem Schutz aufstehen und insbesondere für sie beten.
Eine weitere Möglichkeit, dich für den Schutz der Frauen zu engagieren, ist politisch aktiv zu werden. So kannst du z.B. eine Petition starten für eine Änderung des Prostituiertengesetzes. Gesetze anderer Länder können dabei den deutschen Gesetzgebern als Vorbild dienen (siehe z.B. http://www.lz.de/ueberregional/owl/22063187_Prostitution-Aussteigerin-fordert-Sexkaufverbot.html)
Gott segne dich dabei!
3. In einer Hilfsorganisation mitarbeiten
Wenn du merkst, dass Gott dich als Mitarbeiter ruft, um direkt mit den Frauen im Rotlichtmilieu in Kontakt zu treten und ihnen ganz persönlich und dauerhaft Gottes Liebe weiterzugeben, dann suche aktiv eine Möglichkeit, mitzuarbeiten. Vielleicht kennst du ein Team in deiner Nähe, an das du dich anschließen könntest.
Vielleicht siehst du konkret die Not z.B. ein Straßenstrich oder ein Bordell in deiner Nähe, weißt aber von niemandem, der bis jetzt dort tätig geworden ist, dann kann es sein, dass du berufen bist, selbst eine Arbeit zu starten. Die folgende Auflistung kann dir da eine Hilfe sein, um zu prüfen, ob dies deine Aufgabe sein könnte:
Was braucht man für diese Arbeit? Raffinesse, Feingefühl, Fingerspitzengefühl, Mut, Risikobereitschaft, Weisheit („Klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben“ siehe Mt 10,16), Menschenkenntnis, Gottvertrauen, Treue, Beständigkeit, Beter, die hinter einem stehen, Liebe und Herz für die Frauen und die Verlorenen, Barmherzigkeit, Offenheit, ein gutes Team, Organisation, einen Tucken Hartnäckigkeit, die Kraft des Heiligen Geistes, praktische Nächstenliebe und eine persönliche BERUFUNG.
Gott segne dich dabei!
4. Finanzielle Unterstützung
Möglicherweise liegt es dir auf dem Herzen, eine dir bekannte Organisation finanziell oder materiell zu unterstützen, die sich für Frauen im Rotlichtmilieu stark macht - in welcher Weise auch immer. Lass dich hierbei vom Heiligen Geist leiten. Gott segne dich dabei!
Hier eine Auswahl an Seiten, auf denen du nähere Informationen und Artikel zu dem Thema und zu Hilfsorganisationen findest, die Menschen im Rotlichtmilieu helfen.
https://www.soulsaver.de/szene/rahabshope/
http://www.jesus.ch/erlebt/verschiedene/prostitution
http://rahabs-hope.de/de/
http://hoffnungshaus-stuttgart.de/
http://www.a21.org/index.php?site=true
http://www.lz.de/ueberregional/owl/22063187_Prostitution-Aussteigerin-fordert-Sexkaufverbot.html
https://www.solwodi.de/
5. Liebe in Aktion
Kleine Liebestaten können eine große Wirkung haben und als ein Licht in dieser Welt leuchten. Ein Beispiel ist die Weihnachtspäckchen-Aktion, die das Team von lily white in Zusammenarbeit mit dem Frauenteam gestartet hat, wie im folgenden Exkurs beschrieben. Überlege, zusammen mit deiner Familie, Jugendgruppe, Hauskreis oder Gemeinde, was ihr gemeinsam auf die Beine stellen könnt, vielleicht ja eine Aktion zu Ostern in deiner Umgebung? Gott segne euch dabei und schenke euch ein gutes Gelingen!
Exkurs: AKTION WEIHNACHTSPÄCKCHEN IM ROTLICHT
Diese Idee ist durch lily white in Zusammenarbeit mit dem Frauenteam entstanden, vorbereitet und umgesetzt worden. Die geplante Geschenkaktion wurde in verschiedenen Kirchengemeinden bekannt gemacht: Die Frauen wurden eingeladen, sich durch Spenden an dieser Liebesaktion zu beteiligen, wenn es ihnen auf dem Herzen lag. Es wurde auch eine kleine Bastelaktion gestartet, bei der junge Frauen in gemütlicher Runde Karten bastelten und beschrifteten. Schließlich war es soweit: Bei unserer internen Lily White Weihnachtsfeier sortierten wir die gespendeten Gaben und versuchten diese gleichmäßig auf ca. 20 Weihnachtstüten zu verteilen. Liebevoll hatten Menschen aus den verschiedenen Kirchengemeinden Dinge gespendet, von denen sie dachten, dass eine Frau sie gebrauchen könnte und sich darüber freuen würde: Kosmetikartikel, Kuschelsocken, Handschuhe, Süßigkeiten, Pralinen, Teelichte und ähnliches. Während wir diese Dinge packten und sortierten, versuchte ich mir vorzustellen, wie es der Frau gehen würde, wenn sie diesen oder jenen Gegenstand geschenkt bekommen würde: Würde sie sich über belgische Nougat-Pralinen freuen? Oder über das Duschgel mit Vanille-Duft? Was würde sie von diesen dunkelblauen Socken mit den weißen Pünktchen halten? Wir kümmerten uns auch noch darum, dass in jede Tüte eine persönlich beschriftete Karte kam. Fertig. Die Weihnachtstüten sahen sehr individuell aus: Es gab größere und kleinere, einfarbige und bunte, manche speziell weihnachtlich, andere eher neutral bedruckt. Gespannt waren wir, wie die Frauen darauf reagieren, wie sie die Geschenke annehmen würden – und überhaupt, wie die Aktion verlaufen würde... Und jetzt ist es so weit. Die Weihnachtstüten sind heute an ihren Bestimmungsort gekommen und wurden den Frauen übergeben, für die sie gedacht waren! Allerdings gab es kleine Unstimmigkeiten, weil die Tüten vom Aussehen und Inhalt unterschiedlich waren. Daher ein Tipp für das nächste Mal: Es scheint sinnvoller, einheitliche Tüten zusammenzustellen, vielleicht mithilfe einer Packliste, die den Spenderinnen als Vorgabe oder Richtlinie dient...
Danke!
Im Namen des lily white Teams wünsche ich den Mitarbeiterinnen des Frauenteams GOTTES SEGEN UND SCHUTZ für ihre wichtige und nicht ungefährliche Arbeit.
DANKE, dass ich euch begleiten durfte!
PERSÖNLICH möchte ich noch Theresa danken für das Korrekturlesen dieses Artikels und die sehr hilfreichen, weisen Verbesserungsvorschläge, die dazu beitragen, die  Frauen, die Mitarbeiterinnen und die Arbeit des Frauenteams zu schützen.
*Namen geändert

 

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