Heilig – Schein oder Sein?

von Vanessa Segler
Den Schein bewahren. Die Zweifel zudecken. Die weiße Bluse anziehen. Das Lächeln aufsetzen. So, jetzt kann es in die Kirche gehen! Ein typischer Sonntagmorgen?!
Schwierigkeiten, Enttäuschungen, Zweifeln oder Sünden - ganz nach dem Motto „Christus macht dich glücklich“. Doch was passiert, wenn man nicht glücklich wird, so wie es bei den anderen aussieht? Dann ist man „enttäuscht von der Forderung nach dem dauernden Siegesleben“, denn „von den Enttäuschungen im religiösen Leben erfährt man nur hinter vorgehaltener Hand“¹. Vielleicht geht es einem dann ganz ähnlich wie z.B. Patrick:

Enttäuscht.

Patricks Geschichte stammt aus dem Buch „Warum ich nicht mehr glaube – wenn junge Erwachsene den Glauben verlieren“ von Tobias Faix, Martin Hofmann und Tobias Künkler.² Patricks Bericht ist einer von vielen. Die Autoren haben 18 bis 35-Jährige nach ihren Gründen befragt, warum sie nicht mehr glauben. Patrick gab an in der Beziehung zu Gott enttäuscht worden zu sein. Er berichtet, er hatte während der Zeit, in der er geglaubt hat, eine „Sehnsucht nach Erfahrung mit Gott und Erleben von Gott“. Diese Sehnsucht gründete auf zwei biblische Wahrheiten. Zum einen auf Jeremia 29,13: „…fragt ihr mit eurem ganzen Herzen nach mir, so werde ich mich von euch finden lassen…“. Zum anderen auf die biblische Aussage, dass Gott ein liebender Vater ist, was für ihn bedeutete, dass man Gott persönlich begegnen kann. Doch die persönliche Begegnung, wie er sie sich vorgestellt hat, hatte er nie mit Gott gehabt. Er fragte sich, ob er denn genug gesucht und gefragt hatte oder vielleicht sogar zu viel oder ob es Sünde in seinem Leben gab, die ihn an Gotteserfahrungen hinderte. Was ihn noch unsicherer machte, war es zu hören, wie andere von Gotteserfahrungen geredet haben. Es war für ihn schwierig „zu merken, es gibt andere Kinder in Gottes Kindergarten, die mit solchen Erfahrungen versorgt werden. Und ich nicht.“. Schließlich fragte sich Patrick, ob es Gott überhaupt gibt, wenn er keine Erfahrungen mit ihm machen kann. Andere Personen, die in dem Buch erwähnt werden, erzählen ähnliches: Martina beschreibt, „dass sie im Gegensatz zu ihrem christlichen Umfeld nie das Gefühl hatte, Gott wirklich hören oder wahrnehmen zu können“ und Magdalena hat es „immer fertiggemacht, diese Freudigen, die so glücklich sind, dass Gott ihnen schon wieder geholfen hat, indem er ihren Computer heil gemacht hat“. Andreas hat erlebt wie Christen erst sündigen und im nächsten Moment auf der Bühne etwas ganz anderes von sich geben. Für ihn war die Erkenntnis, dass Christen auch wie Nicht-Christen sündigen nicht so sehr das Problem, wie, dass sie sich Masken aufsetzen, die Sünden vertuschen und ein gutes Leben vorheucheln. Auch Martina hatte „ein Problem damit, dass die Christen nicht so sind, wie sie singen“. Anke erklärt, dass von ihr erwartet wurde, dass sie lieber lüge, als die Wahrheit zu sagen, „nur weil ihnen [den Gemeindemitgliedern] die Wahrheit nicht gepasst hat“.

Scheinheilig.

Die meisten Christen sind darum bemüht ihren Heiligenschein zu bewahren: In Zeugnissen hört man oft nur von Erfolgserlebnissen und Gebetserhörungen, doch kaum einer ist bereit über seine Enttäuschungen und Zweifel zu sprechen. Vor Sünden wird gewarnt, doch das Einander-die-Sünden-Bekennen-Prinzip aus Jakobus 5,16 wird kaum praktiziert. Dietrich Bonhoeffer beschreibt eindrucksvoll, was wir Christen uns durch unsere Scheinheiligkeit nehmen lassen:
 „Es kann sein, dass Christen trotz gemeinsamer Andacht, gemeinsamen Gebetes, trotz aller Gemeinschaft im Dienst allein gelassen bleiben, dass der letzte Durchbruch zur Gemeinschaft nicht erfolgt, weil sie zwar als Gläubige, als Fromme, Gemeinschaft miteinander haben, aber nicht als die Unfrommen, als die Sünder. Die fromme Gemeinschaft erlaubt es ja keinem, Sünder zu sein. Darum muss jeder seine Sünde vor sich selbst und vor der Gemeinschaft verbergen. Wir dürfen nicht Sünder sein. Undenkbar das Entsetzen vieler Christen, wenn auf einmal ein wirklicher Sünder unter die Frommen geraten wäre. Darum bleiben wir mit unserer Sünde allein, in der Lüge und der Heuchelei; denn wir sind nun einmal Sünder.“

Sei heilig!

Samuel Harfst fordert die Christen in seinem Lied „Vom Sein“ auf:
„Seid heilig, denn er ist heilig und versucht nicht heilig zu tun.“
Wenn wir aufhören würden zu versuchen nur heilig zu tun und stattdessen eine offene Atmosphäre unter Christen zu schaffen würden, würde mehr Raum da sein, damit jeder einzelne in der Heiligung wachsen kann. Es ist nicht einfach über sein tiefstes Inneres zu reden. Es fällt einem viel leichter, über seine krassen Erlebnisse mit Gott zu reden. Wir wollen ja alle gut dastehen. Bloß nicht das Gesicht verlieren – das ist doch das, wonach wir alle heimlich streben. Doch wenn wir offener über unsere Sünden, Zweifeln, Enttäuschungen und Krisen reden würden, könnte evtl. anderen, die gerade ähnliches durchmachen, geholfen werden. So würde eine Gemeinschaft unter Christen entstehen, in der jeder weiß: Ich bin nicht allein, sondern da gibt es noch andere, die mit ähnlichem zu kämpfen haben wie ich. Und gemeinsam lässt es sich besser kämpfen.
Wie kann das ganz praktisch aussehen? Wenn dich das nächste Mal jemand fragt wie es dir geht und dir geht es nicht gut, gib ihm doch eine ganz ehrliche Antwort. Erzähle ihm, was in dir vorgeht. Vielleicht arbeitest du in der Teeny- oder Jugendarbeit in deiner Gemeinde mit. Wie wär's, wenn du beim nächsten Mal, wenn du das Thema hältst, nicht nur theoretisch darüber sprichst, sondern auch eigene Erfahrungen aus deinem Leben miteinbindest (nicht nur positive!)? Bei einem Zeugnisteil in der Gemeinde könntest du dich einbringen, indem du etwas aus einer schwierigen Phase deines Lebens erzählst. Wenn es dir mal nicht gut geht und ihr im Hauskreis Gebetsanliegen austauscht, dann öffne dich und lass andere nicht nur für deine Klausuren beten. Durch deinen Mut werden sich hoffentlich andere trauen auch offener zu werden. Vielleicht werden Dinge ans Licht kommen, von denen keiner auch nur etwas geahnt hat. Ja, ihr werdet einander vielleicht mit anderen Augen sehen. Aber es wird eure Gemeinschaft untereinander bereichern und die Beziehung zu Gott stärken!
Lasst uns echt sein. Lasst uns eine Gemeindekultur schaffen, in der nicht Scheinheiligkeit, sondern wahre Heiligkeit gelebt wird! Du kannst dazu beitragen.

 

 

¹Stephan Holthaus, Trends 2000: der Zeitgeist und die Christen, 4. Aufl. Basel Gießen: Brunnen-Verl., 1999.
²Tobias Faix, Martin Hofmann und Tobias Künkler, Warum Ich Nicht Mehr Glaube. Wenn Junge Erwachsene Den Glauben Verlieren, 2. Aufl. Witten: SCM-Verlag, 2014.

 

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