Ein Licht sein

 Ich war 14 Jahre alt als meine Familie nach Deutschland zog. In unserem christlichen Umfeld und in unserer Gemeinde legten die Menschen sehr viel Wert auf Evangelisation. Jeden Monat fanden viele evangelistische Veranstaltungen und Aktionen statt und vor allem junge Menschen wie ich wurden ermutigt und aufgefordert, auf die Straßen zu gehen und Gottes Liebe zu verkünden.
Ich ging immer mit und nahm an zahllosen Flashmobs und ähnlichen Aktionen teil. Ich lernte die klassischen Evangelisations-Fragen auswendig, wie z.B. "Wenn du heute sterben würdest, und Gott dich fragt, 'warum soll ich dich in den Himmel lassen?' was würdest du Ihm sagen?" Aber immer wenn es dazu kam, evangelistische Gespräche zu führen, wurde ich nervös und brachte kein Wort raus. Während meine Freundinnen mutig evangelisierten, stand ich meistens elend und wortlos da.

Menschenfurcht

Ich nahm mir vor beim nächsten Mal mutiger zu sein. Aber ich versagte und kam immer wieder entmutigt und deprimiert zurück. Ich schämte mich, weil mein Versagen offensichtlich bedeutete, dass ich mich für Gott schämte. Ich verglich mich immer mit den anderen, die so mutig und problemlos auf Menschen zugingen und coole Gespräche führten. Ich stellte diese Menschen auf ein Podest und betrachtete mich im Vergleich zu ihnen als einen schlechten Christen.
Nach einiger Zeit verlor ich die Motivation für die Evangelisation und fing an, mich von solchen Aktionen zurückzuhalten. Aber es gab auch oft Momente, in denen ich zuerst Nein zu einer evangelistischen Veranstaltung sagte, mich dann aber doch dazu überreden ließ mit Aussagen wie "Du willst doch gegen deine Menschenfurcht kämpfen!" Die ganze Ironie daran ist, dass meine Menschenfurcht letztendlich der Hauptgrund dafür war, warum ich dann doch mitging.

Ich fühlte mich wie ein Versager

Ich merkte, dass diese Art zu Evangelisieren einfach nicht zu meinen Gaben passte - und war frustriert darüber. Ich bin einfach nicht der Typ, der einfach auf irgendwelche Menschen zu geht und anfängt, über Jesus zu reden. Trotzdem werden wir ja alle im Missionsbefehl in Matthäus 28, 19-20 angesprochen: "Darum geht zu allen Völkern und macht die Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Und seid gewiss: Ich bin jeden Tag bei euch, bis zum Ende der Welt." Jahrelang glaubte ich, dass man diesem Auftrag nur gerechtwerden konnte, wenn man Missionar wurde oder an solchen Straßeneinsätzen teilnahm.

Dann fing ich die Bibelschule an...

Während meines Bibelstudiums lernte ich recht bald, dass es verschiedene Evangelisations "Typen" gibt. Der Missionsbefehl gilt für uns alle, aber die Art wie wir ihm folgen, hängt von den Gaben ab, die Gott uns gegeben hat. Gott hat uns absichtlich verschieden geschaffen. Im Fach Evangelistik lernten wir dies anhand der Illustration von Eidechse und Frosch.  Die Eidechse muss ihr Essen suchen, um zu überleben. Der Frosch hingegen wartet bis das Essen zu ihm kommt. Ähnlich ist es in der Evangelisation: Manche Menschen gehen raus, um ihren Glauben zu teilen, denn sie haben die wunderbare Gabe, das Evangelium auf eine begeisternde Art mit Fremden zu teilen. Andere hingegen konzentrieren sich auf die Menschen in ihrer "natürlichen" direkten Umgebung, wie z.B. ihre Nachbarn, Klassenkameraden, Kollegen oder die Menschen in ihrer Gemeinde.

Frosch oder Eidechse?

Ich habe gemerkt, dass ich eher ein beziehungsorientierter Mensch bin, ein "Frosch": Ich baue über längere Zeit eine Beziehung zu einer Person auf, und nach und nach teile ich ihr stückweise (je nach dem wie es passt) meinen Glauben mit. Ab und zu gibt es Momente, in denen Gott mich besonders führt und auf diese Weise spontan ein Gespräch über den Glauben entsteht (siehe mein erster Artikel "Etwas mit Gott erleben" vom 8. August 2017). Letztendlich fällt es mir viel leichter, meinen Glauben zu teilen, wenn ich weiß, dass ich eine "Zukunft" mit der Person habe. Als ich merkte, dass Straßeneinsätze und Mission nicht die einzigen "guten" Evangelisationsmöglichkeiten waren, gewann ich wieder Freude und Motivation an der Evangelisation. Mir wurde klar, dass es in der eigenen natürlichen Umgebung genügend Möglichkeiten gibt um ein Licht zu sein.
Trotzdem muss ich zugeben, dass ich immer Menschenfurcht habe, die mich daran hindern will, meinen Glauben mit meinen Nachbarn zu teilen. Hauptsächlich einfach deshalb, weil es echt unangenehm werden könnte, wenn der Nachbar feindselig reagiert - und man weiß, dass man danach wahrscheinlich noch jahrelang nebeneinander wohnen wird. Jetzt stehe ich endlich nicht mehr unter diesem Druck, an jeder evangelistischen Aktion teilzunehmen und kann mich nun darauf konzentrieren, meine Menschenfurcht zu überwinden.
Das Gute daran ist, dass es sowieso länger dauert, bis wirklich eine Beziehung entsteht. Wenn es dir ähnlich geht wie mir, hab ich hier paar Vorschläge für dich, die bei der persönlichen Evangelisation in deiner Nachbarschaft, in der Klasse oder auf der Arbeit helfen könnten. Ein Anfang dafür kann sein, dass du den anderen immer freundlich grüßt und Hilfe anbietest, wo er sie braucht. Um ihm Liebe und Wertschätzung zu zeigen, kanst du den anderen mit kleinen Aufmerksamkeiten erfreuen, z.B. indem du ihm etwas Selbstgebackenes vorbeibringst. Es macht auch schon viel aus wenn du einfach immer wieder mal ehrlich nachfragst, wie's dem anderen geht, und dann beim nächsten Mal wieder nachhakst - so merkt er, dass du ihm auch wirklich zuhörst und dich für ihn interessierst.

Unser Lebensstil vermittelt auch Jesu Liebe!

Wir können gar nicht überschätzen, was für eine wichtige Rolle unser Lebnsstil bei der Evangelisation spielt. Die Art, wie wir leben zeigt unsere Werte, und kann ein unglaubliches Zeugnis sein. Wenn wir einfach Jesus als unser Beispiel nehmen und seine Liebe und Annahme ausleben, werden wir unwillkürlich auffallen. Oft werden die Menschen sogar nachfragen, warum wir so "anders" sind, während wir denken, dass wir "nichts" gemacht haben. Bitte also Jesus um Weisheit und Mut, bete um Gelegenheiten und suche nach Möglichkeiten, wo du seine Liebe weitergeben kannst. Ich bete für dich und glaube fest, dass Jesus dir helfen wird!

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