Die Macht der Gefühle

von Vanessa Segler
Sie bestimmen unsere Gedanken, manchmal auch unser Handeln. So schnell wie sie kommen, können sie auch wieder gehen. Es gibt unzählige von ihnen. Besonders wir Frauen haben viel mit ihnen zu tun. Manche von ihnen lieben wir eigentlich, halten sie doch oft fern von uns. Andere wollen wir vermeiden, hängen aber paradoxerweise an ihnen. Manchmal fühlen wir uns einfach nur ohnmächtig ihnen gegenüber. Hin und wieder machen wir sie zum Sündenbock und schieben die Schuld auf sie, um unser Handeln zu rechtfertigen.

Wie Gefühle uns im Griff haben

Gefühle! Wir alle kennen sie. Ich bin froh, dass Gott uns mit Gefühlen geschaffen hat. Wie langweilig wäre ein Leben ohne sie! Wenn wir in der Bibel lesen, merken wir wie gefühlvoll unser Gott selbst ist: Er drückt Liebe und Freude aus, aber auch berechtigten Zorn und Traurigkeit. Gefühle sind also an sich nichts Schlechtes, denn u.a. darin zeigt sich, dass wir in Gottes Ebenbild geschaffen worden sind. Seit dem Sündenfall fällt es uns Menschen aber sehr schwer, angemessen mit unseren Gefühlen umzugehen. Zu schnell lassen wir uns von ihnen beherrschen und gehorchen ihnen so, als ob sie das absolute Sagen in unserem Leben hätten; die saure Miene wird auf das Wetter geschoben, die Gereiztheit gegenüber dem Mann auf die Menstruation, das aufmüpfige Verhalten der Tochter auf die Pubertät. Wie schnell lassen wir uns unterkriegen und wie schnell kommen in uns negative Gefühle hoch! Aber wie viel braucht es, dass positive Gefühle in uns hochkommen? Oft sind es Kleinigkeiten, die uns herunterziehen, aber wie selten kommt es vor, dass wir uns von Kleinigkeiten wieder hochziehen lassen? Wenn wir einen Tag Revue passieren lassen, fallen uns oft zuerst die negativen Dinge ein, die geschehen sind, wobei die positiven meist überwiegen.

Es gibt Hoffnung!

Die gute Nachricht ist: Wir sind unseren Gefühlen nicht hilflos ausgeliefert. Es ist nicht einfach und es ist ein Kampf, sich nicht von ihnen versklaven zu lassen. Aber das Beispiel von Paulus und Silas zeigt uns, dass es möglich ist (vgl. Apg 16,9-10.16-26):
Sie waren gefangen. Ich glaube, sie hatten sich das alles ganz anders vorgestellt. Eigentlich waren sie auf Missionsreise und hatten einen ganz klaren Ruf von Gott bekommen, nach Mazedonien zu gehen, um dort den Menschen zu helfen und die gute Nachricht zu verbreiten. Jetzt waren sie zwar in Mazedonien, aber im Gefängnis, nachdem sich die Volksmenge gegen sie erhob, ihre Kleider von ihren Körpern gerissen und sie daraufhin mit Ruten brutal geschlagen wurden. Dabei wollten Paulus und Silas ihnen nur helfen. Der Auslöser der Strapazen war, dass sie einer Frau den Wahrsagegeist ausgetrieben hatten. Ganz ehrlich: Hatten sie nicht allen Grund, in Selbstmitleid zu versinken? Sie entschieden sich aber dagegen, indem sie sich nicht von ihren Gefühlen leiten ließen: Mitten in der Nacht fingen sie an, laut Lobpreislieder für Gott zu singen!
Nick Vujicic, ein Mann ohne Arme und Beine, schreibt in seinem Buch „Mein Leben ohne Limits“ (S.122):
„(…) Mitleidspartys (sind) die langweiligsten, unproduktivsten und undankbarsten Veranstaltungen, die es gibt.“
Paulus und Silas entschieden sich gegen die Mitleidsparty und für eine Party für Gott. Und das hatte große Auswirkungen: Es veränderte nicht nur ihre Einstellung sondern auch ihre Umstände. Die Gefängnistüren öffneten sich und die Fesseln lösten sich. Der Kerkermeister und seine Familie ließen sich sogar daraufhin taufen!
Wenn Paulus und Silas im Gefängnis laut Lobpreislieder singen können und ein Mann ohne Arme und Beine sich nicht von seinen Gefühlen leiten lässt, dann können wir das auch, wenn wir erfahren, dass unser Urlaub von diesem Jahr aufgrund von Corona abgesagt wurde.
„Manchmal machen wir aus einer Mücke einen Elefanten, weil wir unser kleines Problem viel zu ernst nehmen.“ (Nick Vujicic in: Mein Leben ohne Limits, S. 105)

Wie wir unsere Gefühle in den Griff bekommen

Wir müssen anfangen, unsere Gefühle aus einer anderen Perspektive zu betrachten:
 „Wenn ich denke: Was für ein schrecklicher Tag, werde ich traurig. Wenn ich denke: Ich bin traurig, schafft dieser Gedanke eine winzige, aber entscheidende Distanz zwischen mir und diesem Gefühl der Traurigkeit. (…) Das Bewusstsein für meine Emotionen weckt in mir gleichzeitig das Bewusstsein dafür, dass ich nicht meine Gefühle bin. (…)  Es ist ein bisschen so, als würde ich nicht mehr durch eine Glasscheibe schauen, sondern die Scheibe selbst betrachten und all die Streifen, den Staub und die Sprünge bemerken, die meine Sicht behindern.“ (John Ortberg in: Ich mag dich fast so wie du bist, S.110)
Die Perspektive zu wechseln ist oft gar nicht so einfach. Leichter gesagt, als getan. Woher bekommen wir die Kraft dazu, eine Distanz zwischen uns und unseren Gefühlen zu schaffen?
„So steht nun, eure Lenden umgürtet mit Wahrheit“ (Eph 6,14)
Der Gürtel der Wahrheit gehört zur Waffenrüstung Gottes. Und diesen müssen wir uns immer wieder aufs Neue umlegen. Zu schnell lassen wir uns wieder von unseren Gefühlen anstatt von der Wahrheit leiten. Über die Frau in Sprüche 31 steht:
„Sie gürtet ihre Lenden mit Kraft und macht ihre Arme stark.“ (Spr 31,17)
„Kraft und Hoheit sind ihr Gewand, und unbekümmert lacht sie dem nächsten Tag zu.“ (Spr 31,25)
Hier ist nicht gemeint, dass die Sprüche-31-Frau so viel Kraft hat, weil sie ein Fitnessmodel ist. Sie holt ihre Kraft für jeden Tag aus engster Verbindung zu Gott. Dadurch muss sie sich nicht von ihren Gefühlen leiten lassen, sondern kann unbekümmert und gelassen sein. Lassen wir uns jeden Tag mit Gottes Wort – der Wahrheit - füllen und reden wir jeden Tag mit Gott - der selbst die Wahrheit ist –, dann haben wir die Kraft, unsere Gefühle zu bestimmen, statt uns von ihnen bestimmen zu lassen. Lebensumstände verändern sich; wer hätte vor wenigen Monaten gedacht, dass Corona uns so einholen wird? Gefühle kommen und gehen. Aber unser Gott ist unveränderlich. Also lasst uns unsere Gefühle von der unveränderlichen Wirklichkeit unseres wahren Gottes abhängig machen!

 

 

Quelle: DeMoss, N. L. (2012): Lügen, die wir Frauen glauben, 3. Aufl., Bielefeld: CLV.

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