Der erste Streit

von Regina Neufeld
Vielleicht ist es aber auch schon euer zweiter, dritter oder vierter?
Als ich mit Alex zusammengekommen bin, konnte ich mir nicht vorstellen, dass wir uns jemals streiten würden. Das haben wir auch nicht. Dafür sind wir beide zu harmoniebedürftig. Aber dass es keine Konflikte gab, kann ich nicht sagen. Im ersten halben Jahr schien alles perfekt zu sein. Wir waren so gleich. Ständig bekamen wir zuhören, wie ähnlich wir uns sahen. Und wir waren auch so gleich. Wir verbrachten mindestens jedes zweite Wochenende zusammen, meistens bei seiner Familie und verbrachten an diesen wenigen Tagen so viel Zeit wie möglich allein. Wenn es an einem We mehr als 1-2 Termine mit anderen gab, war ich schon sehr genervt, weil ich meinen Alex ja so selten für mich hatte. Als er mir dann irgendwann sagte, dass er sich gerne noch öfter mit seinen Freunden treffen würde, war ich echt verletzt. Ich empfand das als Ablehnung mir gegenüber. Und wenn er jetzt schon genug von mir hatte, wie sollte das erst werden, wenn wir verheiratet sind...
Das scheint im Vergleich zu anderen Konflikten eine Kleinigkeit zu sein. Doch für mich war es damals etwas sehr tiefgreifendes.
Wie gehen wir nun mit einem Konflikt um? Eins ist klar: Es gibt keine Patentlösung.
Man kann versuchen, den Konflikt zu ignorieren. Man kann auch jedes Mal nachgeben. Meine Strategie war Schweigen. Ich wollte, dass Alex mir ansieht, was mit mir los war, und selbst erkannte, was er falsch gemacht hatte (falsch in meinen Augen). Wenn er nur wenig Zeit für ein Telefonat hatte, weil er mit seinen Freunden unterwegs war, versuchte ich das runterzuschlucken, mir nichts anmerken zu lassen. Ich schwieg. Mit der Zeit lernte Alex mir an der Stimme anzuhören, ob alles in Ordnung war oder nicht. Ich bin echt dankbar, für einen so geduldigen Mann! Es half alles nichts. So sehr ich auch versuchte, meine Gefühle zu unterdrücken, die Sache konnte erst ausgeräumt werden, wenn wir darüber geredet haben.
Bei anderen sieht es eher aus wie in einem Boxring. Man tänzelt um einander, bis einer mit einer bissigen Anschuldigung zuschlägt, die Faust des Gegenübers folgt sogleich. Und wenn am Ende jemand als Sieger gekürt wird, ist doch jedem klar, dass es dabei nur Verlierer geben kann. Denn der Kampf hat die Vertrautheit gestört, manchmal zerstört.
„Eine freundliche Antwort besänftigt den Zorn, kränkende Worte erregen ihn.“ (Spr 15,1, NL)
In einer Partnerschaft kommen zwei Menschen zusammen, die mit ihren unterschiedlichen Hintergründen, Persönlichkeiten, Ansichten und Wünschen aufeinander treffen. Vielleicht fühlt man sich gerade von dem Gegensatz angezogen. Wolke 7 schwebt so hoch über den Dingen, dass man sich nicht vorstellen kann, dass es jemals nicht perfekt sein könnte. Man passt sich am Anfang ja auch an einander an und ergibt so das neue Traumpaar. Und wenn dann mit der Zeit die ersten Unterschiede aufgedeckt werden, versucht man nicht damit umzugehen, sondern diese auszuräumen. Wir haben dann die Erwartung, dass der Partner genauso denkt und handelt wie wir - auch wenn er eigentlich ganz anders ist. Dabei bereichern uns unsere Unterschiedlichkeiten, wenn wir lernen, sie wertzuschätzen, weil wir uns durch sie ergänzen und mehr Potential in der Beziehung steckt.
Was wir brauchen, ist Liebe, die den anderen höher achtet als sich selbst, ein offenes Ohr für die Meinung des anderen und die Bereitschaft, richtig zu kommunizieren. Es geht dabei nicht darum, den Konflikt zu gewinnen, sondern ihn auszuräumen, so dass nichts mehr zwischen den zwei Liebenden steht.
Ich möchte hier auf 5 Dinge eingehen, die uns helfen sollen, richtig mit Konflikten umzugehen:

1. Liebe

Was tun, wenn die Liebe schwindet? Wenn man merkt, dass man den anderen kaum vermisst, wenn er weg ist? Dann geh dorthin, wo du unendlich viel Nachschub bekommst: zur Quelle der Liebe. „Wir wollen lieben, weil er uns zuerst geliebt hat.“ (1Joh 4,19, NL))
Gott schenkt nicht nur Liebe für den Partner, sondern füllt auch unseren eigenen Liebestank vollständig auf. Das brauchen wir, weil Menschen, auch wenn sie uns noch so sehr lieben, das nie auf Dauer schaffen können.
Gott schenkt aber nicht irgendeine Liebe, sondern er schenkt Agape - dieselbe Liebe, mit der er uns Menschen liebt.

2. Respekt

Den anderen respektieren, bedeutet auch, seine Meinung anzuerkennen. Wir müssen ihm zuhören, um ihn zu verstehen. Die Kunst des Zuhörens ist ein entscheidender Bestandteil gelingender Kommunikation.
Gleichzeitig bedeutet es aber auch, seinen eigenen Standpunkt mitzuteilen, statt ihn für sich zu behalten - wie ich es früher versucht habe.
Und nebenbei bemerkt, für Männer ist der Respekt der entscheidende Faktor einer glücklichen Beziehung. Während wir Frauen uns Liebe, Wärme, Nähe wünschen, brauchen Männer das Gefühl, dass sie ernst genommen und gebraucht werden. Lies Eph 5,21-29. Männer werden dazu aufgefordert, ihre Frauen zu lieben und Frauen sollen sich ihren Männern unterordnen. So hat Gott uns geschaffen.
Der Respekt vor einander wird uns schon helfen, viele Konflikte zu vermeiden.

3. Miteinander...

...statt gegeneinander
„Das erklärt, warum ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlässt und sich an seine Frau bindet und die beiden zu einer Einheit werden.“ (1Mo 2,24, NL)
Miteinander reden. Einander zuhören. Einander verstehen lernen. Gemeinsam nach einer Lösung des gemeinsamen Problems suchen. Miteinander beten. Und zwar nicht nebenbei, sondern in aller Ruhe und ohne Zeitdruck.
Miteinander bedeutet auch, für Veränderungen bereit sein. Manchmal heißt das, einen Kompromiss zu finden. Aber nicht immer. Mal wird dein Partner plötzlich sagen: „Du hast Recht. Ich muss diese Gewohnheit ablegen.“ Ein anders Mal kommst du zu der Erkenntnis, dass du bloß deinen Willen durchsetzen wolltest, obwohl es eine besser Lösung gibt. Mal musst du vergeben, mal um Vergebung bitten.
Ohne Miteinander ist es keine Partnerschaft. Das klingt logisch, ist aber nicht selbstverständlich.

4. Humor :-)

Humor macht es uns leichter, mit unseren Unterschiedlichkeiten umzugehen. Statt sich jedesmal darüber zu ärgern, wenn mein Mann seine Socken abends vor dem Sofa liegen lässt, habe ich irgendwann beschlossen, darüber zu lachen. Und ich bin ihm dankbar, wenn er meinen Hang zur Verzweiflung süß findet, statt sich über mich zu ärgern.
Gott ist übrigens auch sehr humorvoll. Das zeigt er nicht nur in vielen Situationen unseres Lebens, auch in der Bibel gibt es so manch lustige Stelle, z.B. Spr 21,19 (NL):
„Es ist besser, allein in der Wüste zu leben, als sein Leben mit einer verärgerten und nörgelnden Frau zu verbringen.“ ;-)

5. Die 3-fach Schnur (Pred 4,9-12)

„Ein dreifaches Seil kann man kaum zerreißen.“ (Spr 4,12b, NL)
Du-Gott-dein Partner. Jede Schnur ist mit den anderen völlig verwoben. Sie sind eine Einheit. Für unsere Beziehungen bedeutet das, dass Gott nicht einfach mit dabei ist, man hin und wieder zu ihm betet und ihn um Hilfe bittet. Er ist Teil der Partnerschaft, ja sogar der Mittelpunkt. Dann können noch so schwere Stürme kommen, die Schnur reißt nie.
Gerade wenn Konflikte auftreten, ist das Gebet ungeheuer wichtig. Wenn man statt in den Ring zu steigen, sich zu dritt Zeit nimmt, zur Ruhe kommt und zu dritt über das Problem spricht, merkt man plötzlich, wie man innerlich weicher wird. Distanz wird wieder zu Nähe. Der Wille zur Vergebung wächst. Die Liebe für den anderen steht wieder über dem Wunsch, seine Meinung durchzusetzen.
Stell dir also folgende Fragen:
  • Mit welcher Liebe liebe ich? Ist sie egoistisch und auf die Erfüllung meiner eigenen Bedürfnis aus oder ist sie Agape?
  • Fühlt sich mein Partner von mir respektiert?
  • Lasse ich mich auf das Miteinander ein? Bin ich ehrlich? Höre ich zu?
  • Kann ich über seine und meine Macken lachen?
  • Welche Rolle spielt Gott in unserer Beziehung? - Gehört er irgendwie dazu, weil wir ja Christen sind oder ist er der Mittelpunkt, der euch zusammenhält?
Eigentlich müsste es hier mit Themen wie „Vergebung“ und „Wenn der Partner geht“ weitergehen, aber davon schreibe ich ein anderes Mal.
Sprich mit deinem Partner über deine Gedanken, die dir jetzt durch den Kopf gehen und betet miteinander darum, dass Gott euch zeigt, an welchem Punkt ihr euch noch annähern müsst.
Man kann auch Hilfe und Rat von außen aufsuchen. Aber nicht in dem Sinne von Ausheulen bei den Freundinnen, sondern wieder: miteinander. Sprecht mit Ehepaaren, die euch ein Vorbild sind. Lest Bücher, die gute Anregungen für Gespräche bieten, um euch besser kennen zu lernen.
Vor allem aber lest zusammen in Gottes Wort und betet miteinander. Das ist die beste Grundlage für eine glückliche Ehe!


© Fotos: Rolf van Melis/pixelio.de, Benjamin Thorn/pixelio.de

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