Allein mit meinen dunklen Gedanken – 10 (Über-)Lebensstrategien

von Regina Neufeld

Unterdrückte Einsamkeit

Solange ich mit anderen zusammen war, ging es mir gut. Ich war zwar ein recht nachdenklicher Teenie, aber auch fröhlich und gelassen. In der Schule hatte ich meine Freundinnen, mit denen ich während des Unterrichts tuschelte und Zettelchen hin und her schob. In der Pause gackerten wir über jede Kleinigkeit und sobald wir zu Hause waren, hingen wir am Telefon. Es gab sogar mal eine Phase, in der wir ein Briefbuch führten, in das wir abwechselnd reinschrieben.

Am Wochenende trafen wir uns wieder. Shoppen, Fotoshoots, Filmabende. Und dann warteten auch schon meine Mädels in der Kirche. Zuhause hatte ich meine Schwestern. Es war immer etwas los.

Doch dann, sobald es ruhiger wurde, fühlte ich es. Einsamkeit.

Es hat keinen Sinn mehr

Ich versuchte, sie zu ignorieren, zu verdrängen, zu übertönen. Der Fernseher half ein wenig. Oder ein Liebesroman, um wenigstens in den Glücksgefühlen einer anderen zu versinken. Bloß nicht allein sein mit mir selbst. Das hielt ich nicht aus.

Aber manchmal half nichts. Da war nur ich. Ich und meine Gedanken. Dunkle Gedanken.

Bald waren diese Gedanken so laut, die Leere in mir so groß, dass auch meine Familie und Freunde sie nicht zu übertönen vermochten. Ich weinte, sobald ich allein war. Schloss mich im Bad ein, wenn die Tränen nicht mehr aufzuhalten waren. Es durfte bloß niemand merken, wie es mir ging. Wie hätte ich es ihnen erklären sollen, wenn ich es selbst nicht verstand. Ich wusste nur eins: So wollte ich nicht mehr leben.

Ich wollte leben. Aber nicht so. Ich fragte mich, ob das Leben wirklich einen Sinn hatte. Und ich dachte, dass es egal wäre, ob ich da war oder nicht. Ich sah mich als Opfer der Umstände, die mich stark belasteten und meinte machtlos gegen meine Gefühle zu sein, die mich immer und immer wieder überrollten. Hin und wieder kam dieser bestimmte Satz in meine Gedanken: "Jesus, wenn ich dich nicht hätte..." - Weiter dachte ich nicht. Wollte nicht wissen, was ich ohne ihn tun würde. Und gleichzeitig fand ich Trost in diesem Satz: Jesus war bei mir. Da war ich mir absolut sicher. Dieses Wissen half.

Zum Leben bestimmt

Mit der Zeit lichteten sich diese Gedanken, aber ich hatte noch jahrelange mit Grübelattacken zu kämpfen, die mich in ein dunkles Loch ziehen wollten und es manchmal auch schafften.

In der Oberstufe las ich im Deutsch-Leistungskurs "Die Leiden des jungen Werther". Ich mochte diesen melancholischen Stil von Goethe, doch das Ende der Geschichte hat mich schockiert: ein Freitod als romantische Liebestat. Werther wird zum Helden, der viele Nachahmer findet - nicht im Roman, sondern im wahren Leben. Doch die Realität eines Selbstmords hat nichts Heroisches an sich, sondern ist verstörend und unendlich traurig.

Den sogenannten Werther-Effekt gibt es auch heute noch: Nachahmer, die sich dem Suizid ihres Stars anschließen. Doch die Wahrheit ist, dass Verzweiflung Menschen in den Selbstmord treibt, weil sie keinen anderen Ausweg sehen. Am Anfang stehen meist dunkle Gedanken. Deshalb ist es notwenig, dass wir diese nicht akzeptieren und nicht ignorieren, sondern uns anvertrauen und öffnen, damit sie die Macht über uns verlieren.

Mein 14-jähriges Ich fand den Gedanken, dass alles eine Ende haben würde verlockend, befreiend - auch wenn es nie ernsthaft darüber nachdachte, sein Leben zu beenden. Aber es wusste: Ich bin zum Leben bestimmt. Gott will, dass ich lebe. Wir haben doch alle den Wunsch nach einem erfüllten Leben in unseren Herzen. Wir wollen leben. Richtig leben.

Deine Entscheidung

Corona hat unser Leben auf den Kopf gestellt und ich fürchte, dass nun noch mehr Menschen unter Einsamkeit und Depressionen leiden. Wir dürfen uns nicht mehr verabreden, einander nicht besuchen, viele gehen nicht einmal mehr zur Arbeit. Einige genießen die Zeit und Ruhe; vielleicht haben sie sich schon lange nach dieser Erholung gesehnt. Doch andere können die Zeit nicht ertragen, weil sie allein sind mit ihren dunklen Gedanken, die ihnen den Lebensmut rauben. Sie geraten schnell in eine Negativspirale und schließlich reißen die depressiven Gefühle die Vorherrschaft an sich.

Was können wir tun, um auszubrechen aus der Dunkelheit und ein Leben im Licht zu führen? Auch wenn wir nichts an der Situation ändern können, die uns belastet, entscheiden wir selbst, wie wir mit ihr umgehen - egal, ob es die Quarantäne oder eine andere Wüste in deinem Leben ist. Die Umstände hast du nicht immer in der Hand, aber deine Gedanken kannst du sehr wohl beeinflussen.

10 Strategien, um Einsamkeit zu überstehen:

1. Plane deinen Tag. Am besten schreibst du am Abend davor auf, was du dir vornimmst. Es gibt Dinge, die müssen erledigt werden, suche dir aber auch Aufgaben, die dir Spaß machen, dich herausfordern und dir gut tun. Steh früh auf und geh rechtzeitig ins Bett. Vermeide Leerläufe, denn dann holen dich die dunklen Gedanken schnell wieder ein. Nur weil dich gerade keiner sieht, heißt das nicht, dass dein Leben und deine Zeit jetzt wertlos sind. 

"Achtet sorgfältig darauf, wie ihr lebt; handelt nicht unklug, sondern bemüht euch, weise zu sein." (Epheser 5,15)

2. Die Bibel. Das ist nicht nur deine wichtigste Waffe im Kampf gegen die Dunkelheit (Lukas 4,1-13; Epheser 6,17), sondern auch dein tägliches Brot und deine Lebensquelle. Seine Wahrheiten sind stärker als die Lügen, die du glaubst. Gottes Wort spendet Leben. Während der Feind dir Gedanken schickt, die dich entmutigen und dich minderwertig fühlen lassen, erfüllen und ermutigen dich Gottes Worte. Wenn du dich also nach Frieden und Glück suchst, dann bist du bei ihm richtig, nur bei ihm. Sein Friede wird deine Gedanken erfassen und sie bewahren: 

"Ihr werdet Gottes Frieden erfahren, der größer ist, als unser menschlicher Verstand es je begreifen kann. Sein Friede wird eure Herzen und Gedanken im Glauben an Jesus Christus bewahren." (Philipper 4,7) "Du bist mein Herr; es gibt kein Glück für mich außer dir." (Psalm 16,2)

3. Fülle deine Gedanken mit positiven Inhalten. In erster Linie mit Gottes Wort, aber auch andere Bücher. Fordere dich intellektuell heraus und lies nicht nur Romane, sondern Sachbücher oder welche, die dir geistliche Wahrheiten näher bringen. Sei ebenso wählerisch, was die Filme angeht, die du ansiehst. Achte darauf, dass dich diese emotional nicht herunterziehen. Du bist deinen Gedanken nicht ausgeliefert. Du hast es in der Hand. Sei aktiv und steuere deine sie bewusst ins Licht. Am folgenden Vers kannst du die Inhalte prüfen, mit denen du dich beschäftigen möchtest:

"Konzentriert euch auf das, was wahr und anständig und gerecht ist. Denkt über das nach, was rein und liebenswert und bewunderungswürdig ist, über Dinge, die Auszeichnung und Lob verdienen." (Philipper 4,8)

4. Schreibe deine Gedanken auf und ersetze sie durch die Wahrheit. Wenn du dich doch wieder im Strudel deiner Gedanken befindest, liste diese auf und frage Gott, was wahr ist und welche Lügen sind. Wenn du die Lügen aufgedeckt hast, kannst du ihnen die Wahrheit entgegensetzen - schreibe sie daneben und streiche die Lüge durch. Entscheide dich, die dunklen Gedanken loszulassen. Dafür kannst du bewusst deine Hände öffnen, während du dafür betest, dass Gott dich von ihnen freimacht. 

"Vor allem aber behüte dein Herz, denn dein Herz beeinflusst dein ganzes Leben." (Sprüche 4,23)

Das Herz ist in diesem Fall nicht nur der Sitz deiner Gefühle, sondern auch deiner Gedanken und deiner Entscheidungen. Pass also gut darauf auf!

5. Schreibe auf, wofür du dankbar bist. Konzentriere dich nicht auf das, was dir fehlt, was du gerade nicht tun kannst, was du gern verändern möchtest, sondern auf das Hier und Jetzt. Du bist beschenkt. Dankbarkeit ist kein Ausdruck eines Gefühls, sondern eine Lebenseinstellung, die wir erlernen können. 

"Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danksagung!" (Kolosser 4,2)

6. Pflege deine Beziehungen. Auch wenn zurzeit keine persönliche Begegnung möglich ist, verabrede dich und triff dich mit Familie und Freunden am Bildschirm. Das tut unbeschreiblich gut, vor allem wenn ihr zusammen betet. Du musst nicht allein durch diese Krise. 

"Ein Einzelner kann leicht von hinten angegriffen und niedergeschlagen werden; zwei, die zusammenhalten, wehren den Überfall ab. Und: Ein dreifaches Seil kann man kaum zerreißen." (Prediger 4,12)

7. Achte auf einen gesunden Lebensstil. Du brauchst genügend Schlaf, gesundes Essen - also nimm dir Zeit zum Kochen. Bewegung und bewusste Entspannung gehören auch dazu. Such dir ein Workout oder geh an die frische Luft und gönn dir danach ein Bad. Als Elia in der Wüste war und den Lebensmut verlor, päppelte Gott ihn erstmal körperlich auf: 

"Er aber ging allein eine Tagesstrecke weit in die Wüste. Schließlich sank er unter einem Ginsterstrauch nieder, der dort stand, und wollte nur noch sterben. »Ich habe genug, Herr«, sagte er. »Nimm mein Leben, denn ich bin nicht besser als meine Vorfahren.« Dann legte er sich hin und schlief unter dem Strauch ein. Doch plötzlich berührte ihn ein Engel und sagte zu ihm: »Steh auf und iss!«" (1. Könige 19,4-5)

8. Musik hat eine starke Wirkung auf unsere Gedanken und Gefühle. Wenn du gerade in eine depressiven Phase bist, ist dir vielleicht nach melancholischen oder aggressiven Lieder. Doch wenn du dich bewusst für Anbetungslieder entscheidest, die von der Größe und Liebe Gottes singen, wirst du deine Stimmung durch sie verändern können, statt sie zu verstärken. 

"Lobt Gott, unsere Stärke. Jubelt über den Gott Israels. Singt ihm Lieder und schlagt das Tamburin. Spielt die liebliche Zither und die Harfe." (Psalm 81, 2-3)

9. Schaffe etwas Kreatives. Mache selbst Musik. Singe, ganz egal, ob du die Töne triffst oder nicht. Male ein Bild, das ausdrückt, was dir ein bestimmter Bibelvers bedeutet oder gestalte ein Poster mit Handlettering. Nähen, stricken, fotografieren, kreative Texte schreiben, restauriere alte Möbel... Gott ist ein kreativer Gott und er hat auch in dich diese Eigenschaft hineingelegt, um ihm damit zu ehren, aber auch weil es dir gut tut, etwas zu erschaffen.

"Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn..." (1. Mose 1,27)

10. Sprich deine Gedanken aus. Nimm sie ernst. Schäme dich nicht. Vertraue dich einer anderen Person an. Sprich aus, was in dir ist. Sei es vor deinen Eltern, einer Freundin oder einer Seelsorgerin. Dies wird dir Erleichterung schenken. Eine Seelsorgerin wird mit dir besprechen, wie die Veränderung, die du dir wünschst, aussehen kann. Wenn du glaubst, du hältst es nicht mehr aus, dass du so nicht weitermachen kannst, wenn du Gedanken hast, die dir Angst machen, dann brauchst du sofort jemanden, der dir hilft, deine Gedanken zu sortieren und klar zu sehen. Die www.telefonseelsorge.de ist rund um die Uhr für dich da: 0800-111 0 111 oder 0800-111 0 222. Und wenn du dir mal etwas von der Seele schreiben möchtest, schicke mir gerne eine Mail an regina@lily-white.de.

"Auch wenn ich durch das dunkle Tal des Todes gehe, fürchte ich mich nicht, denn du bist an meiner Seite. Dein Stecken und Stab schützen und trösten mich." (Psalm 23,4)

"Ich aber bin gekommen, um ihnen das Leben in ganzer Fülle zu schenken." (Johannes 10,10)

Zukunft und Hoffnung

"Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung." (Jeremia 29,11)

Das sind Gedanken des Lebens und des Lichts. Das ist die Wahrheit. Das ist Realität.


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